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Eine Frau sitzt auf einer Fensterbank und schaut hinaus (Foto: pixabay.com)
Wenn Corona auf die Psyche drückt

So langsam drückt die Ausgangsbeschränkung bei vielen die Stimmung. Gerade über die Osterfeiertage ist es hart, die Familie nicht sehen zu können, und draußen in der Sonne liegen dürfen wir auch nur im eigenen Garten. Was uns helfen kann trotz allem psychisch gesund zu bleiben, haben wir hier gesammelt. Außerdem haben wir mit einer Psychotherapeutin über die Gründe gesprochen, weshalb Corona uns auf die Psyche schlägt.

UNSERDING-Reporter Michael hatte aus Brüssel berichtet, dass die Stimmung dort langsam sehr gedrückt ist. Die Ausgangsbeschränkungen gelten dort bereits seit Mitte März, also länger als hier bei uns. Bei Menschen, die an Depression erkrankt sind, stellt die Situation eine besonders große Herausforderung dar. Denn bei einer Depression kommt den Betroffenen alles Negative größer und zentraler vor, beispielsweise die Ängste wegen der Coronakrise. Deswegen gibt die Deutsche Depressionshilfe Hinweise, wie dagegen gesteuert werden kann. Auch wer nicht an einer Depression erkrankt ist, kann hier sicher hilfreiche Tipps finden.

  • Struktur geben: Überlegt euch im Vorhinein, wie ihr euren Tag oder eure Woche strukturieren wollt. Vielleicht ist das euer letzte Aufgabe im Home Office oder eine Beschäftigung für das Wochenende. Bindet nicht nur die Pflichten ein, wie eure Arbeits- oder Lernzeiten, sondern überlegt euch auch schöne Aktivitäten: Sport, spazieren gehen, Klavier üben oder die neue Folge eurer Lieblingsserie schauen.
  • Kontakte pflegen: Verabredet euch! Auch wenn ihr euch nicht treffen könnt – wozu gibt’s Skype, FaceTime und Co.? Macht Zeiten mit euren Freunden oder der Familie aus, dann habt ihr etwas, worauf ihr euch freuen könnt. Hier findet ihr Tipps zu Videochats und hier zu Gesprächsthemen, wenn sie euch einmal ausgehen.
  • Aktiv bleiben: Auch wenn die Situation dazu einlädt, im Bett zu liegen und einfach Netflix oder Disney+ anzuschmeißen, hilft es euch, wenn ihr frische Luft und Bewegung abbekommt. Joggen oder Fahrrad fahren, die Inliner oder das Longboard auspacken. Danach hat man sich die Couch dann richtig verdient!
  • Seriöse Nachrichten checken: Achtet auf die Quelle, wenn ihr Nachrichten zum Coronavirus lest! Denn es geistern viele Fake News durch’s Netz, die teilweise Angst machen können. Außerdem kann es helfen, wenn ihr euch ein Nachrichten-Limit setzt, also nicht jede Nachricht zu Corona lest.

Ein Mann schreibt auf einem Notizblock (Foto: pixabay.com)
Dem Tag Struktur geben kann helfen

Hilfsangebote

Die Deutsche Depressionshilfe empfiehlt Menschen, die an einer Depression erkrankt sind noch die Weiterführung ihrer Therapie und die Inanspruchnahme  von Hilfe. Eine Übersicht über Hilfsangebote haben auch wir für euch zusammengetragen.

Hotlines

Die hier genannten Hotlines richten sich  an alle, die darunter leiden, in sozialer Isolation zu leben. Und an Menschen, die die Struktur des Alltags gerade brauchen, sowie an diejenigen, die aktuell ihre Therapie nicht besuchen können.

Online-Therapiestunden

  • Rettungsring: Hier bekommt man über Laptop, Handy oder Tablet Kontakt zu anderen Leuten und kann sich austauschen. Das könnt ihr auch für einen festen Zeitpunkt verabreden und so eine Struktur in euren Alltag bringen.  Außerdem gibt es virtuelle Beratungsgespräche mit Therapeuten, die sind kostenlos, aber ihr müsst euch vorher anmelden.

Diese Programmpunkte gibt es bei Rettungsring bisher:
- Gesprächsring (Austausch zum Alltag, der Coronakrise und weiteren Themen)
- Beratungsring (Fragen an Experten und Einzelberatung in Extremfällen)
- Freizeitring (Hier wird gespielt, zum Beispiel Stadt, Land, Fluss oder Musik gemacht)

Einer weinenden Frau wird eine Hand entgegengestreckt  (Foto: pixabay.com)
Es gibt viele Hilfsangebote

Online- Programme

  • Selfapy: ein Online-Therapieprogramm. Aktuell gibt es eine kostenlose Corona- Version, unter anderem entwickelt von Forschern aus Berlin. Darin könnt ihr Videos dazu sehen, wie man mit der Isolation umgehen kann. Wie bewältigt man Stress wie behält man Alltagsstrukturen bei? Über eine Nachrichtenfunktion könnt ihr auch mit Psychologen chatten.

  • Ifightdepression: Eigentlich nutzt man dieses Programm zusammen mit einem Therapeuten. Aber wegen Corona könnt ihr euch einfach einen Zugang per Mail beantragen. Es geht vor allem darum, das eigen Verhalten zu beobachten – halte ich Strukturen ein, wie verändert sich meine Stimmung, wie gut schlafe ich?  Dann gibt’s auf dieser Grundlage Tipps und Übungen.

Sammelplattform für Angebote

Patricia aus Saarbrücken hat mit ihrem Team beim Hackerthon „WirvsVirus“ mitgemacht, zusammen mit über 28 000 anderen Teilnehmern. Organisiert wurde der von der Bundesregierung. Es ging darum, Lösung im Kampf gegen das Coronavirus und seine Auswirkungen zu finden.

Patricias Team hat eine Plattform für mentale Gesundheit entwickelt, die vor allem Angebote und Infos bündeln soll, die es schon gibt.

Am Mittwoch (8. April) wurde bekannt gegeben, dass sie zu den 130 ausgewählten Teams gehören, die Support bekommen. Den gibt es nicht in Form von Geld, sondern eher durch Experten, zum Beispiel aus dem IT-Bereich, um die Plattform weiter entwickeln zu können. Im UNSERDING-Interview hat Patricia von der Aktion erzählt.

Interview mit Patricia vom Hackathon
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Interview mit Patricia vom Hackathon
Patricia aus Saarbrücken hat mit ihrem Team beim Hackerthon „WirvsVirus“ mitgemacht. Ihr Team hat eine Plattform für mentale Gesundheit entwickelt, das vor allem Angebote und Infos bündeln soll, die es schon gibt.


Warum schlägt die Krise auf die Psyche?

Warum die aktuelle Coronakrise vielen Menschen auf die Psyche schlägt, dazu hat Dr. Elisabeth Hahn
eine Vermutung. Sie ist Wissenschaftlerin und Psychotherapeutin in Saarbrücken. Bei Facebook hat sie bei der Nachbarschaftshilfe Saarbrücken angeboten, Menschen mit Gesprächsbedarf und einem Bedürfnis nach Hilfe zur Seite zu stehen. „Ich habe gesehen, dass dort viele Hilfe
beim Einkaufen und kleinen Erledigungen anbieten. Und habe überlegt, was ich tun kann“, sagt sie im Interview mit UNERSDING-Moderatorin Krissy. Sie glaubt, dass viele Menschen gerade ein Bedürfnis nach solchen Gesprächen haben, weil die Situation so unbekannt ist.

„Dass unser Alltag und unsere Freiheit so beschnitten werden – das ist ganz fremd. Für viele ist es schwierig, sich daran anzupassen. Und normalerweise rücken wir in Krisenzeiten zusammen, das ist gerade nicht wegen der Beschränkungen nicht so einfach möglich. Auch das macht es schwierig, der normale Mechanismus wird erschwert.“

Für Menschen, die generell zu Ängsten neigen und diese nur schwer kontrollieren können, ist es jetzt besonders hart. Und auch die Lebenssituation kann eine Rolle dabei spielen, wie jemand mit der Situation umgeht. „Für Menschen die zur Risikogruppe gehören, ist es sicherlich beängstigender.“

Über Facebook hätten sich bisher zwar nicht allzu viele bei ihr Leute gemeldet – über Praxen, Ambulanzen und besonders die spezifischen Hotlines melden sich aber schon Personen.

„Das sind sehr unterschiedliche Leute, manche waren schon einmal in psychotherapeutischer Behandlung und haben gute
Erfahrungen gemacht, andere sagen einfach sie brauchen in der Situation gerade Hilfe. Bei manchen geht es dann auch nur darum, in ein oder zwei Gesprächen Unsicherheiten zu klären und Ängste zu erkennen, zum Beispiel wenn jemand gerade existentielle Sorgen
hat.“

Sie verweist auch auf die neu eingerichteten Hotlines, bei denen sich jeder melden kann. „Da ist die Hemmschwelle vielleicht niedriger, als wenn man in einer Praxis anruft.“

Tipps für den Umgang mit verunsicherten Menschen

Falls ihr selbst gut mit der Coronakrise zurechtkommt, aber eure Angehörigen und Freunde nicht so, hat Elisabeth auch einen Ratschlag:

„Zuhören, Empathie zeigen, aber auch zeigen, dass es vielleicht einen besser Umgang mit der Situation gibt: Nicht
zu viel nachdenken über das, was wir gerade nicht kontrollieren können, sondern an der anderen Seite ansetzen. Wo können wir unser Leben und unsere Tage noch gestalten, was liegt in unserer Macht?“

Insgesamt glaubt Elisabeth, dass wir alle den ersten Schock erstmal überwinden mussten und etwas Zeit brauchen, um uns an die neue Situation zu gewöhnen. Aber sie ist positiv gestimmt, dass das früher oder später vielen gelingen wird.


Ein Mann trägt eine Maske (Foto: Felix Schneider/SR)
Stress durch die Maskenpflicht?
Kennt ihr das, wenn es bei WhatsApp zu einem blöden Missverständnis kommt, weil man nicht weiß, ob der andere das jetzt ironisch meint oder nicht? Das liegt oft daran, dass wichtige Informationen wie Mimik oder Gestik fehlen. In einem persönlichen Gespräch lesen wir nämlich auch immer die Körpersprache des Gegenübers mit. Durch die Maskenpflicht geht davon auch ein bisschen verloren – was macht das mit uns?



Über dieses Thema wurde auch in der UNSERDING-Show mit Valentina am 8. April 2020 berichtet.