1975 ging "Sehen statt Hören" erstmals auf Sendung - und schrieb Fernsehgeschichte. Zum ersten Mal gab es ein TV-Format, das sich speziell an gehörlose Zuschauerinnen und Zuschauer richtete. Doch was damals als Angebot von Hörenden für Gehörlose begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer Plattform, die von der tauben Community selbst geprägt wird.
Der Weg dorthin war nicht immer geradlinig: Kritik, Diskussionen und mutige Ideen haben die Sendung verändert - von lautsprachbegleitenden Gebärden bis zur Deutschen Gebärdensprache im Fernsehen. Und manche Visionen von früher sind heute längst Realität. Ein Rückblick.
1975 ging "Sehen statt Hören" erstmals auf Sendung - und schrieb Fernsehgeschichte. Zum ersten Mal gab es ein TV-Format, das sich speziell an gehörlose Zuschauerinnen und Zuschauer richtete. Doch was damals als Angebot von Hörenden für Gehörlose begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer Plattform, die von der tauben Community selbst geprägt wird. Der Weg dorthin war nicht immer geradlinig: Kritik, Diskussionen und mutige Ideen haben die Sendung verändert - von lautsprachbegleitenden Gebärden bis zur Deutschen Gebärdensprache im Fernsehen. Und manche Visionen von früher sind heute längst Realität. Ein Rückblick. Als "Sehen statt Hören" 1975 startete, war das Konzept revolutionär. Zum ersten Mal richtete sich eine Fernsehsendung gezielt an gehörlose Menschen. Moderiert wurde die Sendung zunächst von Hörenden. Die erste Moderatorin war die Gehörlosenlehrerin Elke Grassl, die über zehn Jahre lang das Gesicht der Sendung war - und bei vielen nachhaltig Eindruck hinterlassen hat. Moderiert wurde damals mit lautsprachbegleitenden Gebärden. Ziel war es, möglichst vielen Zuschauerinnen und Zuschauern gerecht zu werden: denjenigen, die Gebärden nutzten, ebenso wie jenen, die sich stärker an der gesprochenen Sprache orientierten. So entstand ein Mittelweg: "Wir benützen gut absehbare normale deutsche Lautsprache, unterstützt von den vereinheitlichten Gebärden der Gehörlosen. Und wir richten uns dabei nach dem bekannten Blauen Gebärdenbuch", erklärte Elke Grassl, die in dieser Art der Kommunikation noch einen weiteren großen Vorteil sah: "Überall wo sich Hörende und Gehörlose begegnen, können diese lautsprachbegleitenden, bzw. lautsprachunterstützenden Gebärden eine Brücke schlagen." Das war vor 50 Jahren noch ganz normal: Ein Angebot für hörgeschädigte Menschen, das von Hörenden gemacht und präsentiert wird. Sehen statt Hören ist zu dieser Zeit wie ein Spiegel der Gesellschaft: Gehörlose Menschen übernahmen kaum die Initiative und standen sehr im Hintergrund. Stattdessen ergriffen Hörende das Wort, organisierten und leiteten das Geschehen, gaben den Ton an. Dabei stand das Team von Beginn an eng in Kontakt mit den unterschiedlichen Verbänden, den Interessensvertretungen der Gehörlosen, und dem Publikum. Wünsche und Feedback wurden offen aufgenommen. Für viele gehörlose Zuschauerinnen und Zuschauer war die Sendung zunächst ein großer Fortschritt. Endlich gab es ein Programm, das sie verstehen konnten - auch dank der damals noch seltenen Untertitel. Doch mit der Zeit wuchs auch die Kritik. Viele in der Community merkten, dass die verwendeten Gebärden nicht immer der natürlichen Gebärdensprache entsprachen. Die Diskussion darüber wurde immer lauter und führte zu intensiven Debatten über Authentizität, Repräsentation und Teilhabe. Die durchaus scharfe Kritik kam nicht nur in Briefen oder Gesprächen - sie fand auch ihren Weg auf die Bühne. Die bekannte Theatergruppe TRIO ART griff die Situation in einer humorvollen Parodie auf. Mit viel Witz zeigte sie, wie Kommunikationsprobleme entstehen können, wenn Hörende über Gehörlose sprechen. Und sie zeigte die Visionen, die Gehörlose für ihre Zukunft hatten. Die Parodie traf einen Nerv. Sie machte deutlich, was viele in der Community längst forderten: mehr gehörlose Stimmen vor und hinter der Kamera. Ein wichtiger Schritt folgte in den 90er-Jahren: Der gehörlose Sozialarbeiter Jürgen Stachlewitz wurde Moderator von Sehen statt Hören. Er gehörte zu den ersten, die authentische Gebärdensprache im Deutschen Fernsehen präsentierten. Ausschlaggebend war ein Besuch der damaligen Redaktion bei der ersten Europäische Konferenz der Fernsehprogramme für Gehörlose in Stockholm. "Dort hat uns eine Sendung sehr überrascht, die allen anderen weit voraus war: Die englische Sendung "See Hear". Im Team waren fünf gehörlose Mitarbeiter - und das Programm war voll in Gebärdensprache - in der British Sign Language", erinnert sich Gerhard Schatzdorfer, damaliger Redaktionsleiter von Sehen statt Hören. Erst "See Hear" gab Sehen statt Hören den entscheidenden Anstoß, die Redaktion für Gehörlose und Gebärdensprache zu öffnen. Das Komische daran: See Hear wurde erst im Oktober 1981 gegründet - und zwar nach dem Vorbild von Sehen statt Hören. Damit begann ein grundlegender Wandel. Schritt für Schritt wurde unsere Sendung stärker von gehörlosen Menschen geprägt - inhaltlich, sprachlich und redaktionell. Viele Ideen, die früher noch wie Zukunftsmusik wirkten, sind heute Wirklichkeit. So sitzt seit 2024 mit Heike Heubach erstmals eine gehörlose Abgeordnete im Deutschen Bundestag - 30 Jahre nachdem TRIO ART diese Vision hatte. Sehen statt Hören ist da deutlich schneller vorangekommen. Gebärdensprache ist längst selbstverständlich geworden, und gehörlose Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind feste Teile des Teams. Ein Fazit? Was 1975 als Experiment begann, hat sich über Jahrzehnte zu einer Plattform entwickelt, die die Perspektiven der tauben Community sichtbar macht - im Fernsehen und darüber hinaus.Willkommen bei "Sehen statt Hören" - der einzigen Sendereihe in der deutschen Fernsehlandschaft, die im Bild sichtbar macht, was man sonst nur im Ton hört! Nicht im "Off", sondern im "On" werden hier die Inhalte präsentiert - mit den visuellen Mitteln des Fernsehens, Gebärdensprache und offenen Untertiteln. Zielpublikum sind vor allem die etwa 300.000 gehörlosen, spätertaubten oder hochgradig schwerhörigen Zuschauerinnen und Zuschauern in der Bundesrepublik, die ein solches Programm benötigen, das ihren Kommunikationsbedürfnissen entspricht und ihnen optimale Verständlichkeit ermöglicht, aber auch alle anderen, die sich von den Themen und der ungewöhnlichen Machart angesprochen fühlen. In wöchentlich 30 Minuten bringt das vom BR produzierte und in allen Dritten Programmen ausgestrahlte Magazin Informationen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, von Arbeitswelt, Familie, Freizeit, Sport über Kunst, Kultur, Bildung, Geschichte bis hin zu politischen, sozialen, rechtlichen und behindertenspezifischen Themen.
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