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Ein Rap-Konzert (Foto: Chase Fade/unsplash.com)
Verschwörungstheorien im Rap

Deutschland ist eine Firma, die Erde ist eine Scheibe und Corona gibt‘s gar nicht. Solche Verschwörungstheorien lesen wir immer häufiger im Netz – und hören sie immer öfter im Deutschrap. Kollege Kolja vom Radiosender BremenNEXT hat sich mit dem Thema Verschwörungstheorien im Deutschrap beschäftigt. Das UNSERDING-Interview mit ihm lest ihr hier.

Kolja, welche Verschwörungstheorien werden denn konkret im Deutschrap verbreitet?

"Die ganze Bandbreite eigentlich. Viel mit Weltraum – dass die Erde eine Scheibe ist, dass wir mal von Außerirdischen besucht wurden, Echsenmenschen… was man schon so kennt. Aber ganz aktuell auch Corona-Verschwörungen, Fler zum Beispiel teilt da viel in seiner Telegram-Gruppe.

Und dann auch antisemitische Verschwörungserzählungen. Was krass ist, weil das ja ein super reelles Problem ist."

Verschwörungstheorien passen zum Rapper-Selbstbild

Warum ist denn gerade Rap so anfällig für Verschwörungstheorien?

"Grundsätzlich muss man sagen – und das haben mir auch die Leute gesagt, mit denen ich wissenschaftlich über das Thema gesprochen habe – dass der Glaube an solche Verschwörungen durch die ganze Gesellschaft, durch alle Einkommensstufen geht.

Und das kann jetzt nur spekulieren, aber es hat viel mit Selbstermächtigung zu tun, an sowas zu glauben. Nach dem Motto: Ich weiß was, was andere nicht wissen. Ich habe den Mut, eine Wahrheit auszusprechen, was sich sonst niemand traut. Sowas. Da kann man vermuten, dass das ganz gut zum Selbstbild mancher Gangsterrapper passt. Wissenschaftlich fundiert ist das aber nicht."

Hat das auch Auswirkungen auf die Fans? Glauben die das, was da gerappt wird?

"Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben Umfragen gemacht. Und die meisten Leute sagen, dass das Thema sie nicht interessiert und sie die Musik einfach feiern.

Ein Mikrofon auf einem Mikrofonständer (Foto: pixabay.com/Pexels)

Es ist aber trotzdem problematisch, denn bei manchen Leuten kommt man trotzdem mit diesen Themen an. Zum einen sind das Leute, die vielleicht noch nie was davon gehört haben. Und wenn sie zum ersten Mal von einer Theorie hören, fangen sie an zu googlen. Und landen vielleicht auf einer Seite, die dieses Weltbild wiedergibt und dann hängen sie selber total drin.

Der Rap kann also dazu motivieren, sich einzulesen. Das andere Problem ist, dass es Menschen gibt die schon daran glauben. Und wenn jemand wie ein Rapper, der eine gewisse Reichweite hat, was sagt, was in die Richtung geht, dann werden die getriggert. Egal ob das die Absicht vom Rapper ist oder nicht."

Beispiel: Antisemitismus im Rap

Ein beliebtes Thema in Rap-Songs ist ja zum Beispiel die Rothschild-Familie. Was hat es damit auf sich?

"Die Rothschild-Theorie ist sehr antisemitisch.

Die Rothschilds sind und waren eine jüdische Bänkerfamilie. Die sind sehr erfolgreich und mächtig geworden, vor allem früher. Und als sie im Mittelalter angefangen haben, so erfolgreich zu sein, haben sich schon Verschwörungserzählungen darum gerankt. Weil die Leute angefangen haben, Gerüchte über sie zu verbreiten oder sie zu verleumden. Denn gerade in christlich geprägten Gebieten war die Macht einer jüdischen Familie nicht geduldet. Und bis heute gibt es da Geschichten.

Weil das so eine erfolgreiche Bänkerfamilie ist, gibt es auch viele von diesen Klischees, die man auch über alle Juden hört: Gier und Geiz zum Beispiel. Daran ist interessant, dass im Mittelalter viele Berufe für jüdische Menschen verboten waren. Nur Finanzgeschäfte waren erlaubt! Weil der Papst damals gesagt hat, es sei unchristlich, Zinsen zu nehmen. Und deswegen sollten das Leute machen, die keine Christen waren. Juden sind also in diese Berufe rein diskriminiert worden. Und heute gibt’s Menschen, die diskriminieren sie eben, weil sie in diesen Berufen sind. Also echt sehr unfair."

Jemand glaubt daran? Ansprechen, aber auf Augenhöhe

Zwei Menschen sitzen zusammen draußen (Foto: pixabay.com/birgl)
Das Thema sollte angesprochen werden

Was mache ich denn, wenn jemand aus meinem Freundeskreis diese Musik hört oder sogar an diese Theorien glaubt – wie spreche ich mit dem?

"Das hängt immer ein bisschen davon ab, wie eure Beziehung zueinander ist und was das für ein Mensch ist. An sich macht es aber immer Sinn, bei sowas zu widersprechen, auch in der Öffentlichkeit – solange man sich nicht selbst in Gefahr bringt. Denn: Je tiefer jemand da reingerät, desto schwieriger wird es, dem noch mit Argumenten beizukommen. Weil der sich irgendwann immer direkt angegriffen und in seinem Weltbild bestätigt fühlt.

Also: Was sagen lohnt sich auf jeden Fall. Und dann eben ein Gespräch auf Augenhöhe führen. Also nicht auslachen, sondern anhören, wie der andere darauf kommt. Und: Nicht über die Sache an sich diskutieren. Denn die Leute, die sich eingelesen haben, werden mehr über das Thema wissen als Du. Eher über die Methoden sprechen, was sind die Quellen, wer steckt dahinter, glaubt derjenige, dass das richtig recherchiert ist?

Außerdem ein bisschen nachhaken, wie es den Leuten gerade in ihrem Leben geht. Denn oft glauben Menschen an sowas, die ein bisschen verunsichert sind, vielleicht Angst haben. Und die durch diese Theorien einen Weg finden, mit dem Finger auf anderen zu zeigen und denen die Schuld zu geben. Und die Verantwortung von sich zu weisen. Und wenn das reale Problem gelöst wird, wird vielleicht auch dieser Verschwörungsglaube wieder aufgegeben."


Das ganze Video von Kolja von BremenNEXT findet ihr hier.


Über dieses Thema wurde auch in der UNSERDING-Show mir Aaron am 10. Juli 2020 berichtet.