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Verhütungsmethoden (Foto: unsplash.com)
Verhütung: Die Pille und Alternativen

Wie verhütet ihr? Pille, Kondom, Spirale, andere Methoden? Die Nutzung der Pille ist in den vergangen Jahren deutlich zurückgegangen, weil viele Frauen Bedenken wegen der Nebenwirkungen haben. Wir sprechen mit Nicole, die die Pille abgesetzt hat, mit einem Frauenarzt und checken verschiedene Verhütungsmethoden.

„Es war ein Prozess von bestimmt anderthalb Jahren, bis sich mein Körper daran gewöhnt hatte, nicht regelmäßig diese Hormone zu bekommen.“

Nicole aus Homburg hat die Pille abgesetzt. Erstmal hat sich danach nicht viel verändert, „aber nach einem knappen halben Jahr hatte ich dann plötzlich Haarausfall. Im Abfluss der Dusche waren richtig viele Haare und sie sind mir auch in den Händen hängen geblieben“, erzählt sie im Interview mit UNSERDING. Vorher hatte Nicole nie Haarausfall. „Auch meine Haut ist zwischendurch schlechter geworden.“ Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sich das wieder normalisiert hatte. Obwohl, so Nicole, der Wirkstoff in ihrer Pille schon gering dosiert war.

Die Pille (Foto: pixabay.com)
Antibabypille

Dr. Steffen Wagner beschäftigt sich als Frauenarzt auch mit dem Thema Verhütung. Er beschreibt, dass viele Frauen Probleme mit der Haut oder den Haaren bekommen, nachdem sie die Pille absetzen.

„Viele Frauen nehmen die Pille ja überhaupt erst aus dem Grund, dass sie unter dünnen Haaren oder schlechter Haut leiden. Einige Monate nach dem Absetzen stellt sich dann wieder der Zustand ein, wie er vor der Pille war.“

Absetzen könne man die Pille an sich immer, „man muss sie nicht ausschleichen oder etwas Besonderes beachten“, so Dr. Wagner. Der häufigste Grund für das Absetzen sei unter seinen Patientinnen der Wunsch nach einem Kind.

„Es wird aber auch vermehrt nach Alternativen gefragt, vor allem nach hormonfreien Verhütungsmethoden.“

Pille wird weniger genutzt

Dass die Pille als Verhütungsmittel weniger beliebt wird, zeigen auch die Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung zum Verhütungsverhalten Erwachsener von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2018. Knapp 1000 sexuell aktive Frauen und Männer zwischen 18 bis 49 Jahren haben an der Studie teilgenommen. Heraus kam dabei, dass Pille und Kondom mit 47 % (Pille) und 46 % (Kondom) zwar immer noch am meisten genutzt werden.

Besonders in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen gab es bei der Pillennutzung aber einen starken Rückgang: 16 % weniger nutzten sie als noch im Jahr 2011. Insgesamt gaben noch 56 % der Befragten in diesem Alter an, mit der Pille zu verhüten. 2011 waren es noch 72 %.

Eine Frau hält ein Kondom in der Hand (Foto: pixabay.com)
Das Kondom ist nach wie vor beliebt, die Pille weniger

Ein weiteres Ergebnis der Befragung war, dass hormonelle Verhütungsmethoden insgesamt kritisch gesehen werden. 48 % stimmten der Aussage, sie hätten „negative Auswirkungen auf Körper und Seele“, zu. Und 55 % lehnten es ab, dass die Pille unbedenklich über Jahre genommen werden könne. Auch hier: Je jünger die Befragten, desto kritischer waren sie.

Wieso wird die Pille weniger genommen?

Dr. Wagner erklärt sich den Rückgang der Pille so:

„Als die Pille erfunden wurde - vor über 50 Jahren – war die Welt noch eine andere. Da gab es viele Familien, die viele Kinder hatten und es gab sonst wenige Verhütungsmöglichkeiten. Und viele wollen heute einfach unabhängig von einer hormonellen Beeinflussung sein. Sie wollen sich so fühlen, wie ihr Körper ihnen das vorgibt.“
Ein glücklicher Smiley ist auf die Straße gemalt (Foto: unsplash.com)
Die Hormone in der Pille können die Stimmung beeinflussen

Für Nicole gab es einen konkreteren Anlass, die Pille nicht mehr zu nehmen. „Das Problem war, dass ich Zwischenblutung bekommen hatte. Total absurd, ich hatte die Pille nämlich genommen, um meinen Zyklus unter Kontrolle zu halten.“ Das war für sie dann ein Grund nach einer anderen Methode zu suchen. „Außerdem hatte ich vorher schon gehört, dass das Thrombose-Risiko hoch ist, dass es krasse Nebenwirkungen geben kann, weil man eben Hormone zu sich nimmt.“

Bei manchen Nebenwirkungen: Sofort zum Arzt

Laut Dr. Wagner kann es tatsächlich gefährliche Nebenwirkungen geben, insgesamt kämen die aber selten vor. „Wenn sie aber vorkommen, können sie sehr bedrohlich sein.“ Im Vordergrund stehe das Blutgerinnsel, die Thrombose. Das mache sich häufig durch eine Schwellung und Schmerzen im Bein bemerkbar. „Wenn sich das löst, kann es auch in die Lunge abfließen, und kann dann lebensbedrohlich sein. Sogar zum Tod führen, was aber sehr selten vorkommt“, erklärt er.

Häufiger seien Nebenwirkungen wie Spannen in der Brust, Kopfschmerzen und Migräne, auch Stimmungsschwankungen.

„Generell muss man sagen, dass die meisten Frauen die Pille gut vertragen und sind auch zufrieden damit.“

Bei einigen dieser Nebenwirkungen sollte die Pille sofort abgesetzt werden, so Dr. Wagner: „Bei Schmerzen und Schwellungen in den Beinen, bei Schwindelgefühl, auch bei Atemnot. Dann sollte man sich auch unmittelbar mit einem Arzt in Verbindung setzen!“ Auch wenn die Frau unter Stimmungsschwankungen leidet, die sich anders nicht erklären kann, sollte mit einem Arzt über die Möglichkeit gesprochen werden, dass das an der Pille liegen kann.

Männer: Würdet ihr die Pille nehmen?
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Männer: Würdet ihr die Pille nehmen?
UNSERDING-Reporterin Sophia fragt nach: Männer, würdet ihr dieses Medikament nehmen, nachdem ihr die Nebenwirkungen gehört habt?

Nicole hat sich nach ihren Zwischenblutungen ebenfalls beraten lassen. Mit ihrem Rat hat sie sich für das Absetzen der Pille und stattdessen für eine Kupferspirale entschieden. Die gehört zu den hormonfreien Verhütungsmethoden. In Dr. Wagners Praxis sind die aktuell sehr gefragt. Und auch die natürlichen Verhütungsmethoden, „wie die symptothermale Methode.“ Hierbei werden die fruchtbaren Tage im Zyklus der Frau anhand verschiedener Merkmale ermittelt. „Wenn sie richtig angewendet wird, mit täglicher Temperaturkontrolle, Überprüfung des Gebärmutterhalsschleims und auch andere Symptomen am eigenen Körper, hat sie auch eine relativ gute Sicherheit.“ Die käme laut Dr. Wagner aber nicht an die Sicherheit von Pille oder Spirale heran. Außerdem muss man bei dieser Methdoe Disziplin mitbringen: Jeden Morgen um etwa die gleich Zeit muss die Temperatur gemessen werden - ausschlafen am Wochenende kann es also schon komplizieirt machen.

Der Pearl-Index: Sicherheit von Verhütungsmethoden

Die Sicherheit einzelner Verhütungsmethoden wird anhand des Pearl-Index beurteilt. Je kleiner der ist, desto sicherer ist die Methode. Ein Pearl-index von 3 bedeutet zum Beispiel, dass von 100 Frauen, die ein Jahr lang auf die gleiche Weise verhüten, drei trotzdem schwanger werden. Ein Pearl-Index von 0,1 sagt, dass eine von 1000 Frauen so schwanger wird.

Der Pearl-Index für die natürlich Empfängnisverhütung mit Temperatur, Gebärmutterhalsschleim, Kalender und Zyklus-Apps zusammengenommen beträgt laut Dr. Wagner 10 bis 15, ist also recht unsicher. Die Kupferspirale hat laut pro familia einen Pearl-Index von 0,3 bis 0,8, die Pille von 0,1 bis 0,9, das Kondom von 2 bis 12. Eine ausführliche Liste gibt es hier.

Verhütungsmethoden (Foto: unsplash.com)
Verschiedene Verhütungsmittel

Nicole ist mit ihrer neuen Verhütungsmethode, der Kupferspirale, sehr zufrieden. „Ich merke davon quasi gar nichts, ich muss mir keinen Timer mehr stellen, um Pillen einzuschmeißen.“ Zwar muss sie regelmäßig zur Frauenärztin und sich durchchecken lassen, „das macht aber ja normalerweise auch.“ Sie hat also eine gute Lösung gefunden und sagt:

„Ich bin froh, dass ich von der hormonellen Verhütung weg bin!“

Wichtig ist aber: Jede Frau muss selbst entscheiden, welche Methode für sie die richtige ist. Eine Beratung durch den/die Frauarzt/-ärztin ist oft hilfreich.


Und die Pille für den Mann?

Auch wenn es viele Methoden gibt, Verhütung bleibt größtenteils doch Sache der Frauen. An der Pille für den Mann wird zwar auch schon seit Längerem geforscht, bisher aber ohne zufriedenstellende Ergebnisse. Vor allem, weil es starke Nebenwirkungen gibt. Eine Studie von 2018 wurde deswegen abgebrochen. Es handelte sich bei den Nebenwirkungen - wie bei der Pille für die Frau - beispieslweise um Stimmungsschwankungen oder Depressionen und Verlust der Libido. Die Wissenschaftler haben nach dem Abbruch auch gesagt, dass die Pille für die Frau heute wohl auch nicht in ihrer aktuellen Form zugelassen würde. Weil es sie aber schon so lange gibt, gelten veraltete Standards. Deswegen dauert die Entwicklung bei der Männer-Pille auch so lange.

Ein Paar küsst sich (Foto: pixabay.de)

Die Forschung ist hier auch eine größere Herausforderung, denn es müssen jeden Tag Millionen von Spermien aufgehalten werden. Bei der Frau muss im Vergleich 'nur' einmal im Monat der Eisprung gestoppt werden.

Es wird aber nicht nur an einer Pille für den Mann geforscht, sondern auch an Alternativen. In den USA zum Beispiel an einem Hormonpflaster mit Testosteron und Gestagen. Mit Testosteron könneten die Spermien zwar aufgehalten werden, wer davon zu viel bekommt, bei dem schrumpfen aber dauerhaft die Hoden. Und das kann eventuell auch zu Unfruchtbarkeit führen.

Alles also noch etwas unausgereift - und Verhütung bleibt erstmal weiterhin eher Sache der Frau.


Über dieses Thema wurde auch in der UNSERDING-Morningshow mit Thurie und Jonas am 28. Oktober 2020 berichtet.