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Jemand wird geimpft (Foto: pixabay.com)
Die Suche nach dem Impfstoff

Dr. Rissland ist Virologe an der Uniklinik Homburg. Im UNSERDING Interview erklärt er, wie die Entwicklung eines Impfstoffs funktioniert und wann seiner Meinung nach ein Impfstoff gegen das Coronavirus auf den Markt kommen könnte.

Herr Dr. Rissland, wie lange dauert es normalerweise, bis ein Impfstoff auf den Markt kommt?

So eine Impfstoffentwicklung dauert in der Regel mehrere Jahre, in Einzelfällen kann das auch mal ein Jahrzehnt überschreiten. Es ist nämlich nicht immer einfach, den richtigen Impfstoff zu entwickeln. In jeder Phase der Impfstoffentwicklung können auch Probleme auftreten, die dann dazu führen, dass die Dauer sich entsprechend verlängert.

Und wie ist das jetzt konkret bei einem Impfstoff gegen das Coronavirus?

Beim Coronavirus hoffen wir natürlich ein bisschen darauf, auf den Erkenntnissen des ersten Coronavirus, also des SARS-Coronavirus-1 aufbauen zu können. Die beiden Viren, das aktuelle und das, das wir vor 17 Jahren kennengelernt haben, haben eine relativ hohe Überschneidung in ihren Erbinformationen. Damit sind auch einzelne Prozesse relativ identisch. Das macht es einfacher, entsprechende Impfstoffkandidaten auszuwählen. Ob man damit aber wirklich richtig liegt, ist noch offen. Derzeit sind 80 Impfstoffkandidaten in der Diskussion, beziehungsweise in der Entwicklung. Welcher davon sich am Ende durchsetzt, ist bislang überhaupt nicht absehbar.

Welche Schritte müssen denn vor der Zulassung eines Impfstoffs gegangen werden?

Normalerweise ist das ein sogenanntes mehrstufiges Verfahren. Das fängt damit an, dass man das Virus kennenlernen muss. Und man muss es analysieren, in Bezug darauf, was es mit den Zellen im Körper macht. Und auch, wie es das entsprechende Immunsystem herausfordert.

Der zweite Schritt ist in der Regel, dass man sich dann Gedanken macht, wie setzt man denn diesen Impfstoff zusammen? Was ist das Design? Das heißt: Welche Bestandteile des Virus nimmt man, oder nimmt man das ganze Virus? Welche Zusatzstoffe muss der Impfstoff noch enthalten, beispielsweise Wirkstoffverstärker? All das ist in der zweiten Phase Gegenstand der Diskussion.

In der dritten Phase ist es so, dass in vielen Fällen noch Erprobung an Tieren notwendig ist, einfach weil man wissen will, ob der Impfstoff wirksam ist. Das auf der einen Seite, aber auf der anderen auch, ob der Stoff verträglich ist. Also eine Vortestung, damit man dann überhaupt in die vierte Stufe reingehen kann, nämlich die Erprobung mit Freiwilligen.

Ein Mensch trägt eine Maus in seinen Händen (Foto: pixabay.com)
Tests an Tieren sind oft notwendig

Auch da gibt’s mehrere Stufen, man fängt in einem kleinen Kreis an, auch da testet man Wirksamkeit und Verträglichkeit. Im Laufe der Zeit kommen größere Gruppen von Freiwilligen dazu, damit man wirklich relativ gute Aussagen über Wirksamkeit und Verträglichkeit treffen kann.

Der nächste Schritt ist da, dass man als Impfstoffhersteller diese Daten in einem Zulassungsverfahren einreichen muss. Dann werden diese Unterlagen geprüft, in der Europäischen Union gibt es da die Europäische Medizinbehörde, die das in der Regel macht. In DE könnte das beispielsweise auch das Paul-Ehrlich-Institut. Das sind Institutionen, die darauf versiert sind solche Daten auch kritisch zu beleuchten.

Und erst, wenn all diese Schritte absolviert sind, kommt es zur Markteinführung. Deswegen kann man sich auch vorstellen, warum die Entwicklung in der Regel so lange dauert. Bei der Markteinführung muss der Impfstoff auch in ausreichender Menge vorhanden sein.

Beim Coronavirus soll alles etwas verkürzt werden, heißt das, da werden Schritte übersprungen?

Nicht wirklich übersprungen, sie werden eventuell etwas abgekürzt. Wir haben ja gewisse Erfahrungswerte. Aber man kann die Schritte nicht wirklich auslassen. Man versucht nur, auch in Absprache mit den Zulassungsbehörden, gewisse Dinge etwas zu straffen. Also diesen Verlauf zeitlich so straff zu halten, dass man in absehbarer Zeit zu einer Erkenntnis kommt und zu einem möglicherweise zulassungsfähigen Impfstoff.

In Deutschland ist ja schon eine erste klinische Studie genehmigt. Was bedeutet das zeitlich?

Von den sechs Stufen, die ich eben beschrieben habe, sind wir damit schon in Stufe vier. Das sind teilweise wie gesagt auch die Erkenntnisse aus früheren Vorbereitungsschritten. Und in dieser klinischen Studie wird man dann sehen, wie gut oder schlecht dieser entsprechende Impfstoff tatsächlich anschlägt.

Jemand wird geimpft (Foto: pixabay.com)
Bis ein Impfstoff entwickelt ist, dauert es meist mehrere Jahre

Es ist bei so einer Entwicklung auch nicht immer empfehlenswert, der erste zu sein, man will ja einen gut erprobten Impfstoff. Wobei es in der pharmazeutischen Industrie natürlich einen internen Wettbewerb gibt. Aber irgendeiner muss ja mal anfangen, diese Ergebnisse werden dann aber eben umso kritischer betrachtet werden. Schnelligkeit ist nämlich nicht unbedingt das alles entscheidende, es geht ja darum, dass das hinterher ein wirksamer und gut verträglicher Impfstoff ist. Insofern steht auch die Möglichkeit im Raum, dass im Rahmen dieser Stoff jetzt in der klinischen Studie scheitert. Man kann also nicht sagen: In drei Wochen haben wir einen Impfstoff. Keiner von uns will einen Stoff, der nicht gut getestet ist. Da ist wirklich Sorgfalt angesagt, das braucht Zeit und die kann man eben nicht beliebig abkürzen.

Welcher Gefahr setzen sich freiwillige Tester aus? Was gibt es für denkbare Folgen?

Man geht natürlich erstmal davon aus, dass die Testpersonen gesund sind und ein gesundes Immunsystem haben. Man testet dann auch unterschiedliche Dosierungen des Impfstoffs und registriert sehr aufmerksam, ob es zu Nebenwirkungen kommt. Das bedeutet auch, dass diese Studien unter klinischen Rahmenbedingungen abgehalten werden. Die Leute bekommen also nicht den Impfstoff und gehen wieder nach Hause, sondern das läuft unter kontrollierten Bedingungen, also unter stationärer Überwachung. So kann man auch schnell reagieren, wenn es zu einer kritischen Nebenwirkung kommt. Insofern ist das Risiko überschaubar. Deswegen gibt es auch die Versuche an Tieren, damit man nicht völlig blind in die Versuche mit Menschen reingeht. Man setzt die Testpersonen also keinem unkontrollierten Risiko aus. Aber das Risiko ist natürlich höher, als wenn man später alle Phasen erfolgreich absolviert hat und man beschreiben kann, welche Nebenwirkungen auftreten.

Wann können wir ihrer Meinung nach mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus rechnen?

Ich schätze mal, dass wir 2021 mit einem Stoff rechnen können, aber eher im zweiten Halbjahr als im ersten. Ich glaube nicht, dass wir es mit all diesen Schritten schaffen, das alles früher erfolgreich zu Ende zu führen und am Ende auch wirklich mit einem gut geeigneten Impfstoff, der auch in ausreichender Menge verfügbar ist, antreten können. Da muss man, denke ich, auch realistisch sein.  


Über dieses Thema wurde auch in der UNSERDING-Morningshow mit Thurie und Jonas am 28. April 2020 berichtet.