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Ein Mensch hebt die Füße hoch, während jemand anderes staubsaugt. (Foto: dpa)
Wie lange ist zuhause wohnen "okay"?

Bis zu welchem Alter ist es eigentlich "okay" noch zuhause bei den Eltern zu wohnen. Was sagt es über mich aus, wenn ich mit 30 noch zuhause wohne? Und was, wenn ich schon sehr früh daheim ausziehe? Diese Fragen hat uns Psychologin Carola Hoffmann im Interview beantwortet.

UNSERDING: Was sagt das über mich aus, wenn ich mit 30 Jahren noch zuhause wohne?

Carola Hoffmann: Das kommt auf die Bedingungen an. Vielleicht war ich schon einmal weg, komme jetzt zurück und habe keine Möglichkeit, schnell irgendwo unterzukommen. Oder ich bin insolvent und muss wieder zurück. Vielleicht habe ich aber auch eine gescheiterte Beziehung hinter mir und kann auf die Schnelle nicht irgendwo unterkommen. Das kann alles vorkommen. Wenn ich aber schon immer zuhause gewohnt habe – während der Schulzeit, der Ausbildung im Beruf – und dort nie weg bin, dann denke ich, ist das kritisch.

UNSERDING: Warum ist das dann kritisch?

Carola: Weil ich mich nicht selbst entwickele. Ich werde so gesehen auf dem Papier älter und erwachsener, bleibe im Leben aber in dieser kindlichen Abhängigkeit. Ich lasse mir Entscheidungen abnehmen, ich muss mich nicht versorgen, muss mich um nichts kümmern. Das ganz große Thema der Selbstverantwortung kann so nicht gelebt werden.

UNSERDING: Gibt es altersmäßig eine Grenze, ab der es bedenklich wird?

Carola: Das kann man nicht so genau auf einen Zeitpunkt eingrenzen. Ich denke, dass immer, wenn ein Lebensabschnitt abgeschlossen ist und ich dadurch selbständig Dinge erwirtschaften und leben kann, dann wäre es an der Zeit sich was eigenes zu suchen.

UNSERDING: Liegt es nur an mir persönlich, wenn ich solange bei meinen Eltern wohne?

Carola: Oft sind es auch die Eltern, die an den Kindern festhalten und sich nicht vorstellen können, ein sinnerfülltes, bedeutungsvolles Leben ohne die Kinder zu führen. Da sprechen wir in der Entwicklungspsychologie vom "Empty Nest Syndrome". Das befällt meist Frauen, die bisher ihre Bedeutung und ihre Sinnfindung im Aufziehen der Kinder gesehen haben. Die fallen dann in ein Loch. Es ist oft von beiden Seiten gesteuert.

UNSERDING: Was ist schiefgelaufen, wenn ich so lange bei Mama und Papa wohne?

Carola: Wir sagen heute Helikopter-Eltern dazu. Kümmern sich Eltern so um das Kind, dass es einen braucht, entsteht eine Abhängigkeit. Wenn die Kinder sehr klein sind, braucht das Kind ja wirklich seine Eltern – es entwickelt sich aber weiter und dann sollten die Eltern das Kind dazu befähigen, selbständig zu sein. Aber es fängt oft schon sehr früh an, dass die Kinder lernen: 'Ohne meine Mama und ohne meinen Papa kann ich nicht'. Das erzeugt Ängste und ist natürlich super uncool, wenn man die mit Mitte 20 zeigt. Also findet man andere Gründe, um zuhause zu bleiben, weil man sich nicht in der Lage fühlt, alleine leben zu können.

Wie ist es, wenn Jugendliche schon sehr früh, also mit 16 von zuhause ausziehen?

Carola: Das liegt sehr häufig an Konflikten, die innerfamiliär so stark sind, dass die Jugendlichen so einen großen Leidensdruck entwickeln. Dahinter stecken oft sehr schwerwiegende Vorfälle und Gründe.