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Die Sea Watch 3 (Foto: dpa)
An Bord der Sea Watch 3

Jonas aus St. Wendel was als Rettungssanitäter und Sozialarbeiter mit Carola Rackete auf der Sea Watch 3. Auf dem Schiff hat er bei der Rettung der Geflüchteten geholfen und sie dann an Bord physisch und psychisch versorgt. Im Interview hat er erzählt, wie er es schafft, mit der Belastung umzugehen, wie es war, als Carola verhaftet wurde und was wir selbst tun können, um Sea Watch zu helfen.

UNSERDING: Was waren deine Aufgaben auf der Sea Watch?

Jonas: Wir waren ein bunt gemischtes Team aus Ärzten, Rettungssanitätern und Pflegern. Soweit es uns möglich war, haben wir die Gäste, sobald sie an Bord waren, physisch und psychisch versorgt.

UNSERDING: Du nennst die Geflüchteten Gäste – und nicht Flüchtlinge. Welchen Hintergrund hat das?

Jonas: Sobald sie an Bord kommen, sind sie unsere Gäste. Nach zwei Jahren auf der Flucht, sollen sie sich endlich nicht mehr als Flüchtling, sondern als Gast fühlen. Sie sollen keine Angst mehr haben müssen und ihre Freiheit leben können. Ohne die Angst entführt, geschlagen oder gefoltert zu werden. Wir versuchen einen sicheren Ort für sie zu bieten.

Jonas an Bord der Sea Watch 3 bei der "Sea Eye Mission 2017" (Foto: Privatfoto/Jonas)
Jonas war auf der Sea Watch 3 zusammen mit Kapitänin Carola Rackete, die später verhaftet wurde.

UNSERDING: Teilweise bist du der Erstkontakt für die Geflüchteten. Wie bist du damit umgegangen?

Jonas: Dadurch, dass ich Sozialarbeiter bin und im Rettungsdienst arbeite, bin ich schon ein bisschen abgehärtet. Und man muss versuchen ein Mittelmaß zu finden: Empathisch sein und Gefühle zuzulassen, das Ganze aber nicht so nah an sich ranzulassen und mit nach Hause zu nehmen. Sonst kann man diese Art von Arbeit auch nicht so lange machen.

UNSERDING: Du warst ja schon früher bei Rettungsmissionen dabei, aber dieses Jahr war es anders. Warum?

Jonas: Ich bin 2017 schon mal mitgefahren, da hatten wir nur drei bis zwölf Stunden Kontakt mit den Gästen. Danach wurden sie von einem größeren Militärschiff abgeholt und an Land gebracht. Jetzt haben wir 17 Tage mit ihnen verbracht, da entsteht natürlich eine ganz andere Beziehung, das wurde schon fast freundschaftlich.

UNSERDING: Ihr bekommt viel Unterstützung – aber es gibt auch immer wieder Leute, die sagen ihr wärt nur Handlanger der Schlepper. Was sagst du dazu?

Jonas:Die Schlepper verdienen Geld damit, wir nicht. Eigentlich übernehmen wir die Aufgabe der EU. Früher sind dort Militärschiffe patrouilliert, die dann die Menschen gerettet haben. Sea Watch hat erst damit angefangen, das Ganze nur zu beobachten. Dabei haben sie dann gemerkt, dass sie mehr als das machen müssen. So haben die Rettungsmissionen angefangen. Und wenn die Fluchtursachen bekämpft werden würden oder es sichere Fluchtrouten gäbe, dann müsste es solche Organisationen wie uns nicht geben. Dann könnten wir unseren politischen Fokus auch woanders drauf legen.

UNSERDING: Du warst auf der Sea Watch 3, als kein Hafen euch anlegen lassen wollte. Wie seid ihr mit dieser Situation umgegangen?

Jonas: Wir hatten einen gut geregelten Tagesablauf. Es gab erstmal Frühstück, dann ein Morgen-Meeting, bei dem alle aktuellen Informationen geteilt wurden und später gab es ein warmes Mittag- und später Abendessen. Dazwischen haben wir mit den Gästen Spiele gespielt oder auch Sprachkurse gemacht. Sie müssen ja auch beschäftigt und abgelenkt werden.

UNSERDING: Ihr seid ja ein Team auf dem Schiff, Carola Rackete war dann aber diejenige, die verhaftet wurde. Wie war es für euch, dass eigentlich ausschließlich sie in der Kritik stand.

Jonas: Carola war darauf schon vorbereitet, in der aktuellen politischen Situation weiß glaube ich auch jeder Kapitän und jede Kapitänin, was auf ihn/sie zukommen kann. Wir hatten aber auch Crew-Gespräche, in denen wir die Meinung von allen eingeholt haben, aber letztlich ist das Seerecht dort klar. Der Kapitän hat das letzte Wort. Carola hat uns vor zwei Tagen eine E-Mail geschrieben und darüber haben wir uns total gefreut. Sie hat sich darin nochmal entschuldigt, dass sie sich nicht mehr verabschieden konnte, weil es alles so schnell ging. Außerdem hat sie sich nochmal bei uns für die Hilfe bedankt und hat gesagt, dass sie von dem Medieninteresse überrascht und überrollt wurde.

UNSERDING: Wirst du auch im Nachhinein mit Menschen vom Boot Kontakt haben?

Jonas: Das ist schwierig umzusetzen, denn wir wissen ja nicht, wer in welches Land kommt. Ich kann nur aus der Ferne allen das Allerbeste wünschen. Als ich an Land gegangen bin, hatte ich nur drei Stunden Zeit. Die habe ich genutzt, um zur Flüchtlingsunterkunft zu gehen. Da habe ich allen nochmal 'Hallo' gesagt. Es war sehr schön und emotional, die nochmal an Land und in Freiheit zu sehen.

UNSERING: Auf dem Schiff mitfahren, das kann nicht jeder. Wie können wir konkret helfen?

Jonas: Man kann auf verschiedenen Ebenen unterstützen. Auch nicht nur finanziell – eine Spende ist zwar auch wichtig und gut, aber uns ist es auch wichtig, dass sich die Leute mit dem Thema beschäftigen. Dadurch verstehen sie es besser und können, wenn Diskussionen aufkommen, den entsprechenden Leuten mit guten Antworten und Fakten entgegentreten.

Das heißt ihr könnt euch informieren, mit Freunden und Familie reden oder auch "Sea Watch" anschreiben und dort fragen, wie ihr helfen könnt. Außerdem könnt ihr uns auf Festivals und anderen Veranstaltungen unterstützen. Ihr könnt auch selbst sagen, ihr wollt an der Schule, an der Uni oder in eurem Verein eine Veranstaltung machen, um über die Problematik zu informieren – und da wird euch Sea Watch sicher dabei unterstützen.

Über dieses Thema wurde unter anderem auch in der UNSERDING-Sendung "UNSERDING mit Michi" berichtet.