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Ein Rettungswagen im Einsatz (Foto: dpa)
"Wenn man nicht richtig helfen kann, macht das sauer."

Justin ist Rettungssanitäter und hat tagtäglich mit Gaffern zu tun. Wie er mit Gaffern umgeht, wie viele Leute bei Unfällen helfen und wie viele nur glotzen und wie es für ihn ist, wenn Fotos und Filme gemacht werden, hat er uns im Interview erzählt.

UNSERDING: Wenn ihr an einem Einsatzort ankommt – Wie viele Leute gucken nur und wie viele helfen?

Justin: Das ist schwer generell zu sagen. Aber es ist eigentlich schon überwiegend so, dass mehr Leute gucken und weniger helfen. Das ist von Einsatz zu Einsatz aber auch unterschiedlich.

UNSERDING: Sind Gaffer eine Ausnahme oder Alltag?

Justin: Gaffer sind Alltag, aber es kommt immer auf den Einsatz an. Es gafft auch nicht jeder, das muss man auch ganz klar sagen. Aber es gehört zum Alltag dazu uns ist nichts mehr Besonderes.

UNSERDING: Was ist für dich der typische Gaffer?

Justin: Die Person, die meistens am Einsatzort steht und entweder kluge Kommentare abgibt, am Handy hängt und das ganze fotografiert oder filmt oder einfach so im Weg steht, dass wir Probleme kriegen. An einer Einsatzstelle braucht man immer Platz, den gibt es eigentlich nie und dann ist es doppelt schwer, wenn Leute dabeistehen, die mit der Situation eigentlich nix zu tun haben.

UNSERDING: Wie findest du es, wenn Leute vor Ort sind und dann auch noch filmen oder Fotos machen?

Justin: Das ist für uns in der Situation super blöd. Denn erstens versuchen unsere Arbeit zu machen und werden daran gehindert. Und außerdem muss man sich auch bewusst sein, dass die Personen, denen wir versuchen zu helfen, in einer maximal hilflosen Situation sind. Die haben in dem Moment das größte Schamgefühl, das man sich vorstellen kann. Wenn dann noch Leute zugucken und filmen ist das ultrablöd.

UNSERDING: Was für "kluge Kommentare" müsst ihr euch denn vor Ort anhören?

Justin: Typische Sachen sind: 'Ich hab früher mal Zivi gemacht und ihr macht das alles falsch.' Oder 'Ich hab das mal im Fernsehen gesehen.' Aber das sind nur ein paar Beispiele, da ist echt alles dabei.

UNSERDING: Was könnt ihr als Notfallsanitäter gegen Gaffer tun?

Justin: Ich arbeite in Rheinland-Pfalz haben wir die Möglichkeit über das Brand- und Katastrophenschutzgesetz einen Platzverweis auszusprechen. Und wenn das die Leute nicht befolgen, ist das eine Ordnungswidrigkeit und wird dementsprechend geahndet.

UNSERDING: Was machst du, wenn du privat einen Gaffer siehst?

Justin: Ich helfe immer zuerst. Das ist mein Beruf und da hat man dann auch keine Scheu mehr. Aber privat ist man immer in der Gefahr, wenn man gegen Gaffer was sagt, als Privatperson wahrgenommen zu werden. Das ist eine andere Sache, als wenn man in der Uniform steckt. Die bietet immer so eine Art Abgrenzung und sorgt für ein bisschen Respekt. Wenn ich privat was sage, trifft das oft auf taube Ohren.

Screenshot: Polizist konfrontiert Gaffer (Foto: Tagesschau)
Polizist konfrontiert Gaffer mit Realität
Nach einem tödlichen Unfall auf der A6 in Bayern ist es auf der Gegenfahrbahn wegen etlicher Schaulustiger zu einem kilometerlangen Stau gekommen. Lkw-Fahrer filmten die Unfallstelle mit ihrem Handy. Da platzte dem Einsatzleiter der Verkehrspolizei, Stefan Pfeiffer, der Kragen. Er ging auf die mit dem Handy filmenden Fahrer zu und forderte diese auf, auszusteigen und mit ihm zur Leiche zu gehen: „Sie wollen tote Menschen sehen? Fotos machen? (...) Schämen sollten Sie sich“, sagte Pfeiffer zu den Gaffern. Für seine Aktion wird Stefan Pfeiffer in den Sozialen Netzwerken gefeiert.

UNSERDING: Was sollte man denn deiner Meinung nach mit Gaffern machen?

Justin: Zielführend wäre eine Sensibilisierung für das Thema. Die Leute einfach nur zu bestrafen, macht glaube ich keinen Sinn. Man muss sich einfach mal vorstellen, selbst in so einer Situation zu sein. Und wenn man das macht, merkt man, dass man das auch nicht möchte, begafft, fotografiert und gefilmt zu werden. Könnte man die Leute sensibilisieren und ihnen einen Hauch von Gefühl dafür geben, was es bedeutet, hilflos zu sein, dann würde das in die richtige Richtung gehen.

UNSERDING: Was war denn das krasseste, was du mit Gaffern erlebt hast?

Justin: Das war bei einem Verkehrsunfall auf einer Landstraße. Rechts und links war eine Wiese, auf die die Leute hätten drauf fahren können. Aber wir kamen einfach nicht zu den zwei Unfallfahrzeugen durch und es war ganz klar zu sehen, dass die Leute in der Mitte stehen geblieben sind, um zu gucken. Sie sind ausgestiegen und teilweise sogar 200 oder 300 Meter nach vorne gelaufen – nur um zu gucken, nicht um zu helfen. Das war natürlich extrem ärgerlich, dass wird durch so eine blöde Sache nicht richtig helfen konnten. Das macht einen natürlich sauer.

UNSERDING: Hast du eine Message an unsere Hörer?

Justin: Einfach eine Rettungsgasse bilden, das ist ja auch seit 2017 Pflicht. Die, die links fahren links ran, alle anderen rechts und dann ist das gut. Es ist nicht schwer. Einfach machen – denn es kostet uns unglaublich viel Zeit, wenn sich Leute nicht daran halten. Es nutzt nichts, wenn man erst versucht links einzuschlagen, wenn wir kommen. Denn dann steht zwar die Front vom Auto links, das Heck steht aber immer noch im Weg. Autos sind groß, ultra schwer und es ist für uns dann unmöglich das durchzukommen. Das kostet Zeit und Nerven und unter Umständen kostet es auch die Gesundheit der Leute, die unsere Hilfe brauchen.

Bei Stau: Rettungsgasse bilden! (Foto: ADAC)
Video
Rettungsgasse bilden
Leben retten mit der Rettungsgasse

Über dieses Thema wird auch in der UNSERDING Morning-Show am 11.06.2019 berichtet.