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Esther Bejarano, letzte Überlebende des Mädchenorchesters von Auschwitz, mit ihrer Band Microphone Mafia live bei einem Auftritt. (Foto: Imago/Future Image)
Interview mit einer Holocaust-Überlebenden

Mit 18 Jahren ist Esther Bejarano in das Konzentrationslager nach Auschwitz gekommen. Dort erlebte sie schreckliche Dinge und wurde nur dadurch gerettet, dass sie ein Musikinstrument spielen konnte. Auch heute noch – mit mittlerweile 94 Jahren - nutzt sie die Musik, um die Verbrechen der Nazis während des Zweiten Weltkriegs nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

41948 – das war die Nummer, die Esther Bejarano im Konzentrationslager in Auschwitz auf den linken Arm tätowiert bekommen hat. Ihr erster Gedanke: 'Wenn das die Zahl der Leute ist, die hier sind. Wo sind die denn dann alle?'. Damals wusste sie noch nicht, dass sie in einem Vernichtungslager ist.

Der Eintritt in das Orchester rettet ihr Leben

Ursprünglich kommt Esther Bejarano (geboren als Esther Loewy) aus Saarlouis, aber schon kurz nach ihrem ersten Geburtstag zog sie mit ihrer Familie nach Saarbrücken. Mit 18 Jahren, im April 1943 wurde sie nach Auschwitz gebracht. Nach der Ankunft musste sie sich – wie alle Frauen und Mädchen – vor den SS-Soldaten ausziehen. Danach folgte eine kalte Dusche und dann der Trocknungsraum, in dem es so heiß war, dass sie kaum mehr atmen konnte. Tagsüber verrichtete sie anfangs sinnlose Arbeit. Sie und die anderen Frauen schleppten Steine von einer Seite des Feldes auf die andere, um sie am nächsten Tag auf die gegenüberliegende Seite zu bringen.

Interview mit einer Holocaust-Überlebenden
Interview mit einer Holocaust-Überlebenden

Kurz bevor sie es körperlich nicht mehr schaffte, bot sich die Möglichkeit über einen Platz im Lager-Orchester aus der Arbeit rauszukommen. Sie schafft es, obwohl sie eigentlich gar kein Akkordeon sondern nur Klavier spielen kann: "Ich hatte das Akkordeon und musste in einer Ecke des Raumes versuchen mich mit dem Instrument vertraut zu machen. Auf der rechten Seite gab es Klaviertasten, auf der linken Knöpfe und ich dachte mir: 'Das sind bestimmt die Akkorde.' Ich wusste aber nicht, was ich machen soll. Dann hatte ich Glück, weil ein Knopf eingebuchtet war und ich mir gedacht habe, dass das C-Dur ist." Hätte sie kein musikalisches Gehör gehabt, sagt Esther, hätte sie es nicht geschafft.

Esther kämpft gegen das Vergessen

Dass sie Teil des Mädchen-Orchesters von Auschwitz wurde, sei ihre Rettung gleichzeitig aber auch eine schwere Bürde gewesen, erinnert sich die Holocaust-Überlebende. Denn sie mussten Märsche spielen, während die anderen Gefangenen zur Arbeit gingen und zurückkamen und damit den Nazis helfen. In Auschwitz erkrankte sie mehrfach und wurde schließlich mit 70 anderen Frauen im November 1943 in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt. Als die Alliierten 1945 näher rückten, konnte Esther zusammen mit Freundinnen fliehen. Die Befreiung durch die amerikanischen Truppen erlebte sie am 3. Mai in Lübz.

Bis heute engagiert sie sich gegen menschenverachtende Tendenzen und für eine gelebte Erinnerungspolitik. Seit 2009 ist Esther mit der Rap-Gruppe "Microphone Mafia" unterwegs. Zusammen haben sie hunderte Konzerte gespielt. Ihre Songtexte sind auf Jiddisch, Deutsch, Türkisch und Italienisch geschrieben – oder Kölsch. Die Auftritte werden von Lesungen und Erzählrunden begleitet, außerdem berichtet Esther von ihrer Jugend als verfolgte Jüdin im KZ und die Mitglieder von "Microphone Mafia" erzählen von den Erfahrungen, die sie als Kinder von Einwanderern in Deutschland machten.