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Eine Kirche von innen (Foto: pixabay.com)
Glaubensfragen 2020

Was bedeutet Glauben in der heutigen Zeit? Und sind die Ansichten der Kirche noch zeitgemäß, zum Beispiel beim Thema Verhütung? UNSERDING hat mit Menschen gesprochen, die dazu eine Meinung haben: Mit Menschen, die für die Kirche arbeiten.

Glaube im Jahr 2020

UNSERDING-Reporter Flo hat mit Menschen gesprochen, für die der Glaube eine große Rolle spielt. Einem Kaplan, einem Seelsorger, einer Pfarrerin und einem Priester der christlichen Kirche hat er Fragen gestellt: Was am Glauben cool ist, wie sie die Coronakrise erleben, wie die Kirche und sie zu Themen wie Verhütung und Abtreibung stehen.

Warum kann Glaube noch cool sein?

Kaplan Peter Zillgen (Pfarrei St. Marien, Neunkirchen): „Ich finde Glaube cool, weil wir uns da Antworten suchen, die wir uns selbst nicht geben können. Wir dürfen uns diese Antworten gesagt sein lassen, von Jesus. Der ist für mich der Glaubwürdigste dafür, dass unser Leben Sinn und Ziel hat.“

Pfarrerin Anja Schild (Gemeinde Altenkessel): „Weil der Glaube ganz viel mit einem selbst zu tun hat! Das geht durch alle Zeiten, dass wir von Gott etwas hören und gesagt bekommen für unser Leben. Ich finde gerade in dieser Krise, dass wir zu Gott beten können nochmal umso wichtiger. Und hoffe, dass Gott ganz viel Segen für uns bereithält.“

Priester Carsten Leinhäuser (Pfarrei Heilig-Kreuz, Winnweiler): „Glaube ist für mich was ganz Privates. Und es ist deshalb cool, weil es immer wieder Momente gibt, da spüre ich, dass da noch eine größere Macht ist. Ich glaube eben, dass Gott seine Finger mit im Spiel hat in meinem Leben.“

Wie steht die Kirche zu Verhütung und ist das noch zeitgemäß?

Eine Frau hält ein Kondom in der Hand (Foto: pixabay.com)

Kaplan Peter Zillgen: „Wenn man so will, ist die Kirche dagegen. Aber man könnte vielleicht eher sagen: Verhütung ist nicht die Vollform von Sexualität, die die Kirche immer gelehrt hat. Die Kirche ist allen voran die, die das Leben und die Liebe verkündet. Und wir sagen, die Liebe findet ihre Vollform in der Ehe und in der Sexualität, die in der Ehe ihren Platz haben soll. Und da hat Verhütung nicht oberste Priorität.“

Seelsorger Achim Jakob (Pfarrei St. Johann, Saarbrücken): „Die Stellung der katholischen Kirche ist ja, dass Verhütung nicht erlaubt ist. Aber die obere Instanz der Entscheidung ist das eigene Gewissen, so sagt auch die katholische Kirche. Das gilt für alle moralischen Entscheidungen.“

Pfarrerin Anja Schild: „Verhütung ist eine Sache für jeden Einzelnen. Wir leben nach dem Motto: ‚Jeder Christ ist frei in dem, was er tut und was er nicht tut. ‘Und Verhütung hat mit Verantwortlichkeit zu tun. Ein Jugendlicher der sagt ‚Ich möchte verantwortlich mit meiner Sexualität umgehen‘, was zum Beispiel auch Krankheitsübertragung betrifft, dem würden wir niemals sagen, dass er das nicht darf.“

Priester Carsten Leinhäuser: „Ganz offiziell findet die Kirche das Thema Verhütung nach wie vor blöd. Weil sie sagt, Sex gehört in die Ehe und in der Ehe sollte man offen für Kinder sein. Und deswegen soll man nicht verhüten. Ich denke auch, dass Sex in eine Beziehung gehört. Aber ich glaube, dass die Menschen, die in einer Beziehung sind und miteinander ihr Leben planen, erwachsen genug sind zu überlegen, ob sie bereit sind für Kinder. Dementsprechend sollte man verantwortungsvoll mit Verhütung umgehen.“

Wie sieht es beim Thema Abtreibung aus?

Pfarrerin Anja Schild: „Gott ist immer für das Leben. Er ist ein Freund des Lebens. Und hier ist die Problematik, dass es zwei Leben betrifft. Wir sagen: Wir können diese Frau nicht vorverurteilen, ohne uns ihre Lebensgeschichte angehört zu haben. Es gibt auch Situationen, in denen das Leben der Frau zerstört wurde oder durch die Schwangerschaft wird. Da sollten wir ein offenes Ohr haben.“

Priester Carsten Leinhäuser: „Das ist ein bisschen schwieriger, weil da die Frage im Hintergrund steht: Tötet man damit einen Menschen? Da sagt die Kirche klar, Abtreibung geht für uns gar nicht. Ich bin grundsätzlich der gleichen Meinung, frage mich aber auch, wie es ist, wenn eine Frau ungewollt schwanger ist oder durch Gewalt. Ich denke, da muss man ganz feinfühlig mit umgehen. Dann muss die Frau entscheiden und sollte in ihrer Entscheidung unterstützt, nicht verurteilt werden.“

Und beim Thema Scheidung?

Eine Frau zerreißt ein Hochzeitsfoto. (Foto: picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa)
Eine Frau zerreißt ein Hochzeitsfoto.

Seelsorger Achim Jakob: „Eine kirchliche Annullierung gibt es schon. Schwierig wird es dann, wenn eine weitere Ehe kirchlich geschlossen werden soll. Da gibt es Entwicklungsbedarf, Handlungsbedarf.“

Priester Carsten Leinhäuser: „Bei Ehe und Scheidung gibt es den philosophischen Hintergrund, zu dem die Kirche steht: Das ist eine Entscheidung, die trifft man einmal für sein ganzes Leben, deswegen ist Scheidung nicht so einfach drin. Aber das Leben ist halt nicht immer so einfach. Ich kenne auch genügend Paare wo ich merke, die sind an einem Punkt angekommen, wo die Beziehung nicht mehr zu retten ist. Ich glaube da sollte man Möglichkeiten anbieten, dass die Menschen auch sagen können, sie haben mal davon geträumt, ein Leben lang zusammen zu sein aber jetzt klappt das nicht mehr. Und wenn sie dann andere Wege suchen wäre die Kirche glaube ich gut beraten, das zu unterstützen. Und nicht so pauschal zu sagen: Geht nicht, Pech gehabt.“

Corona als Chance für die Kirche?

Kaplan Peter Zillgen: „Ich glaube schon. In dem Sinne, dass wir jetzt durch einen verstärkten Auftritt bei Facebook auch Menschen erreichen, die wir sonst im Gottesdient nicht erreicht haben mit unseren Fragen und unserer Botschaft. Und die vielleicht auch in sich gehen, um anderen Antworten zu finden als bislang.“

Seelsorger Achim Jakob: „Ja, absolut. Ich denke, dass uns das deutlich gemacht hat, was erforderlich ist, gerade auch in der jungen Zielgruppe. Die haben ganz andere Zugänge.“

Priester Carsten Leinhäuser: „Ich weiß nicht, ob ich es als Chance bezeichnen würde, weil die Pandemie einfach sehr viel mitbringt, was nicht gut ist. Ich merke aber, dass es eine Herausforderung für uns Kirchen ist. Weil man auf dem klassischen Weg weniger Menschen erreicht. Stattdessen, gerade in sozialen Medien, erreiche ich ganz andere Menschen und auch viel mehr. Bei unseren Online-Gottesdiensten, da waren zwischen 200 und über 2000 Menschen mit dabei. Das ist viel mehr, als ich in der Kirche erreichen kann.“


Mit Carsten hat Reporter Flo auch noch über das Zölibat gesprochen: „Grundsätzlich finde ich gut, dass es die Möglichkeit des Zölibates gibt. Ich frage mich aber schon, ob das denn unbedingt sein muss, dass ein Priester automatisch zölibatär lebt. Bei dieser Verknüpfung habe ich ganz große Fragezeichen. Ich denke, dass ein verheirateter Mann genauso gut Priester sein kann und eine verheiratete Frau genauso gut Priesterin sein könnte.

Carsten Leinhäuser in einem Auto (Foto: Sergej Falk)
Carsten Leinhäuser

Generell wünscht Carsten sich in der Kirche mehr Offenheit. „Wie gehen wir mit Frauen um? Ist das zeitgemäß und hat das überhaupt mit dem Evangelium zu tun, dass Frauen nicht Priester sein können, dass sie keine Leitungsverantwortung in der Kirche haben? Wie gehen wir mit dem Thema Sexualität in Beziehungen um? Da ist auch vieles, wo sich die Welt weiter entwickelt hat und wo die Kirche zu langsam hinterherkommt. Und auch das Thema Demokratie. Ich glaube, da wurden schon große Fortschritte gemacht, die kirchlichen Jugendverbände sind da große Vorreiter. Ich glaube, da kann unsere Kirche als ein hierarchisches System auch noch lernen.


Über dieses Thema wurde auch im UNSERDING-Radioprogramm am 21. Mai 2020 berichtet.