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Moritz ist 18 Jahre alt und macht gerade sein Abitur. Das Besondere: Er ist von Geburt an blind. Während seines Praktikums bei UNSERDING hat nicht nur er einiges dazugelernt. Im Interview erzählt er unter anderem, wie er seinen Alltag meistert und wie andere Menschen auf ihn reagieren.

UNSERDING: Du bist von Geburt an blind. Was war für dich am schwierigsten zu lernen?

Moritz: Das kann ich so gar nicht sagen.  Ich habe alles relativ schnell gelernt. Viele Blinde wachsen sehr behütet auf und werden sehr isoliert. Da heißt es dann: ‚Lass den mal in Ruhe. Er ist blind. Lass ihn nicht den Tisch decken, bevor er etwas kaputt macht oder verletzt sich.‘ Dadurch sind diese Blinden etwas zurückgeblieben. Das hatte ich nicht. Ich wurde „normal“ erzogen, sodass ich gelernt habe, welche Sachen ich machen muss und was ich fürs spätere Leben brauche.

UNSERDING: Ist es ein „Vorteil“ von Geburt an blind zu sein?

Moritz: Ja, es ist ein Vorteil. Ich kenne Leute, die erst später erblindet sind und sie knabbern heute noch daran. Ich hatte mal ein Gespräch, bei dem jemand fragte, wie es ist, blind zu sein. Er konnte es sich nicht vorstellen und sagte für ihn wäre es das Schlimmste, was einem passieren kann. Ich finde das nicht so, weil ich von Geburt an blind bin. Für einen Vollsehenden, der erblindet ist, ist das vermutlich anders.

UNSERDING: Wie erlebst du deine Mitmenschen – eher hilfsbereit oder hilflos?

Moritz: Beides. Leute wollen mir sehr überschwänglich helfen wollen, aber nicht wirklich wissen wie. Oft ist es aber auch so, dass Gruppen unterwegs sind und ich ausweichen muss, weil sie nicht aus dem Weg gehen.

Studieren ohne Augenlicht?

UNSERDING: Du machst nächstes Jahr Abi. Wie läuft das in der Schule?

Moritz: Ich bin auf dem einzigen Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland, an dem man ein vollwertiges Abitur machen kann. An anderen Schulen hätte ich mir ein Fachabitur erarbeiten können.

UNSERDING: Was sind deine Berufswünsche für die Zukunft?

Moritz: Ich kann mir vorstellen, Jura zu studieren. Ich habe jedoch noch nichts Halbes und nichts Ganzes. Jura ist in meinem Kopf sehr präsent. Das Praktikum bei UNSERDING hab ich mir ausgesucht, weil ich mir früher vorstellen konnte, Radiomoderator zu werden. Aber Ich habe gesehen, dass man die ganzen Titel miteinander verknüpfen muss, was alles dazu gehört und dass man die Monitore im Blick haben muss. Daher ist beim Radio arbeiten möglich, aber nicht als Moderator, sondern in der Redaktion.

UNSERDING: Wie bereitet man euch in der Schule auf die Uni vor?

Moritz: Spezielle Unis für Blinde gibt es nicht. Manche sind barrierefrei manche weniger. In der Schule gibt’s Berufsinformationstage, bei denen man an verschiedenen Arbeitsgruppen teilnehmen kann und Referenten über ihr Themengebiet informieren. Die geben einem auch Tipps, wo man gut studieren kann.

Den Alltag meistern - mit kleinen Helfern

UNSERDING: Wie läuft ein typischer Morgen bei dir ab?

Moritz: Hilfe habe ich früher gebraucht, aber nur um aus dem Bett zu kommen. Ich stehe auf, gehe unter die Dusche, Kaffee machen … wie jeder normale Sehende auch.

UNSERDING: Gibt es morgens spezielle Abfolgen oder machst du das, wie du gerade Bock hast?

Moritz: Meistens mache ich das so, wie ich Bock habe, beziehungsweise wie es die Zeit zulässt. Manchmal bietet es sich an, den Kaffee früher zu machen oder zuerst duschen zu gehen. Das mache ich, wie ich gerade aus dem Bett komme.

UNSERDING: Welche Hilfsmittel hast du, um deinen Alltag zu meistern?

Moritz: Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, habe ich einen Blindenlangstock. Er ist mein Erkennungszeichen und ersetzt meine Augen. Ich mache eine Pendelbewegung über den Boden, damit ich erkenne, was vor mir ist. So kann ich um Sachen herumlaufen und Leute sehen mich so.

Moirtz mit Blindenstock (Foto: UNSERDING/Lena Meerkötter)
In der Stadt findet sich Moritz mit einem Blindenlangstock zurecht.

UNSERDING: Wenn du bei uns arbeitest, hast du eine Extra-Tastatur, wie sieht die aus und wie funktioniert die?

Moritz: Ich nutze die normale Laptoptastatur. Das andere nennt sich Braille-Zeile, damit kann ich Bildschirminhalte in Punktschrift lesen. Über einen USB-Port ist sie mit dem Laptop verbunden. Wenn ich etwas am Laptop schreibe und ich höre die Sprachausgabe nicht, kann ich auf der Zeile in Punktschrift lesen. Das ist normale Sechs Punkt Braille, als würde ich auf einem Blatt Papier lesen.

Moritz arbeitet mit der Braille Zeile (Foto: UNSERDING/Lena Meerkötter)
Mit seiner Braillezeile kann Moritz Text lesen, die ein Sehender auf dem Bildschirm liest.

UNSERDING: Wie hilft dir die Sprachausgabe am Handy oder Laptop?

Moritz: Das hilft sehr. Ich habe Android ausprobiert, aber diese Sprachausgabe ist nicht gut. Entweder funktioniert sie gar nicht oder so stark verzögert, dass man nicht damit arbeiten kann. Das ist meine Erfahrung. Andere Blinde sagen, Android sei das Beste, was es gibt und fragen, warum ich iOS nutze. Aber ich antworte dann, auf iOS kann ich mich verlassen – auf Android nicht.

UNSERDING: Es gibt für Serien und Filme Audiodeskription. Warum nutzt du die nicht?

Moritz: Ich habe schon Filme mit Audiodeskription geschaut. Die waren furchtbar, weil Filme nicht nur von der Sprache leben, sondern auch von der Musik. An einer traurigen Stelle erwartest du Klaviermusik. Aber dann beschreibt dir die Audiodeskription, was da gerade zu sehen ist. Das finde ich persönlich nervig.


Über dieses Thema wurde auch in den Sendungen von UNSERDING vom 23.04.2019 berichtet.