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Menschen tanzen unter freiem Himmel (Foto: pixabay.com/StockSnap)
Alltagsrassismus: Erklärung und Tipps dagegen

Was ist Alltagsrassismus und wo beginnt er? Thurie hat dazu Jörn Didas vom Adolf-Bender-Zentrum interviewt. Adolf Bender war Maler und hat ein KZ überlebt. Das Adolf-Bender-Zentrum setzt sich für Menschenrechte und Demokratie ein. Außerdem geben wir hier Tipps, wie jede und jeder weniger rassistisch sein kann.

Thurie: Jörn, was ist denn Alltagsrassismus eigentlich?

Jörn: Rassismus ist einmal, dass Menschen davon ausgehen, es gäbe so etwas wie „Menschenrassen“. Was es natürlich nicht gibt. Und was damit zusammenhängt ist, dass man dann glaubt, dass diese Menschen unabänderliche feste Eigenschaften hätten, und das ist meistens negativ konnotiert. Und all das zeigt sich eben auch regelmäßig in unserem Alltag, und wenn es alltäglich auftritt, sprechen wir von Alltagsrassismus. Es gibt viele Beispiele dafür: Zum Beispiel dass Menschen, die auf Wohnungssuche sind, unterschiedliche Erfahrungen machen. Nämlich abhängig davon, ob sie sowas wie einen deutschen Nachnamen haben oder nicht. Menschen, denen man eine türkische Migrationsgeschichte zuschreibt, haben es wesentlich schwerer eine Wohnung zu finden als Menschen, die Becker oder Müller heißen. 

Jemand unterschreibt einen Mietvertrag (Foto: pixbay.com/andibreit)
Alltagsrassismus: Gibt's auch bei der Wohnungssuche

Thurie: Wo fängt Alltagsrassismus an?

Jörn: Für Menschen, denen Rassismus begegnet oder die davon betroffen sind zum Beispiel oft bei der Frage „Wo kommst du her?“ Viele werden sagen, dass das doch total unverfänglich ist, nichts Böses. Aber wenn ich als Schwarzer Mensch von der Gesellschaft ständig diese Frage höre, und es dann nicht damit getan ist, dass ich sage „Aus Saarbrücken“, sondern immer noch folgt „Nee, aber wirklich?“, da beginnt Alltagsrassismus. Weil diesen Menschen eben das Gefühl vermittelt wird, dass sie eigentlich nicht dazu gehören. Oder von woanders sein müssten. Das ist die Konstruktion von „Wir“ und „Die Anderen“. 

Thurie: Wenn ich das mitbekomme, wie reagiere ich da am besten? 

Jörn: Erstmal gucken, wie reagiert der Betroffene. Vielleicht auch sagen, dass die Frage unangebracht ist. Gerade, wenn jemand Wildfremdes das fragt. Im Freundeskreis ist das natürlich was anderes. Wenn jemand sagt, dass er das für sich als rassistisch empfindet ist es wichtig, da Unterstützung zu zeigen. So kann man reagieren. 

Empfehlungen für weniger Rassismus im Alltag

  1. Ziemlich normal, wenn man neue Leute kennenlernt: Die Frage danach, wo die- oder derjenige herkommt. Wenn sie dann sagen „aus Berlin“, dann solltet ihr das einfach so stehen lassen. Die Frage, wo sie „denn wirklich herkommen“ kann man sich sparen. Lieber sich selbst fragen: Warum ist dir das überhaupt wichtig? Macht das einen Unterschied?
  2. Du siehst rassistische Inhalte in den sozialen Netzwerken oder hörst, wie sie ausgesprochen werden? Und zwar von Menschen, die du kennst? Anstatt sie zu ignorieren, weil sie dich nicht direkt betreffen, kannst du dich wehren. Denn diejenigen, die es direkt betrifft, müssen das sonst immer tun. Und das ist sehr anstrengend. Außerdem: Rassisumus geht uns alle etwas an. In sozialen Medien kannst du auch den "Melden"-Button nutzen.
  3. Wenn du mitbekommst, wie jemand rassistisch behandelt wird, tu nichts, was der oder die Betroffene nicht will. Frag lieber diskret nach, ob und wie du helfen kannst.
  4. Die Frage nach Erfahrungen mit Rassismus ist sehr persönlich. Respektiere die Tatsache, dass nicht jeder immer mit dir darüber sprechen möchte. Akzeptiere das so, hake nicht wieder und wieder nach.
  5. Dass jemand einen Migrationshintergrund hat bedeutet nicht, dass er oder sie Experte für Themen wie Integration oder Einwanderung ist. Behandle sie so wie alle Menschen, die keine Experten dafür sind.
  6. Menschen, die Rassismus erlebt haben und diesen anprangern, sind nicht hysterisch. Bloß, weil diese Erfahrungen kein Allgemeinwissen sind, sind sie nicht falsch.
  7. Du hast die Gelegenheit, jemandem eine Stimme zu geben? Vielleicht in einem Text oder bei einer Veranstaltung? Super! Such doch vielleicht auch nach Menschen mit Migrationshintergrund. Sie werden oft weniger gehört, also gib ihnen doch die Möglichkeit dazu.
  8. Bei Debatten über Rassismus oder Weiße wirst du nicht persönlich angegriffen. Es geht um einen Missstand in der Gesellschaft. Behalte das im Hinterkopf.
  9. Nur weil du niemanden mit Rassismuserfahrungen kennst, heißt das nicht, dass es keinen Rassismus gibt.
  10. Es geht nicht um Schuld. Sondern um Verantwortung.

Noch mehr solcher Empfehlungen findet ihr beim Zeit Campus Magazin.


Weiterbildung: Filme, Bücher, Instagram

Außerdem ist es ganz wichtig, sich in dem Bereich weiterzubilden. Denn nur so kann man lernen und verstehen. Das sagt auch Latifah, die die Antirassismus-Demos Anfang Juni in Saarbrücken mitorganisiert hat.

"Das aller-, allerwichtigste, was ich jedem Weißen Menschen sagen kann ist, sich antirassistisch zu schulen. Was ich da empfehlen kann: Von Tupoka Ogette 'Exit Racism', das gibt es Buch oder als Hörbuch. Da lernt man einfach sehr, sehr viel über den eigenen internalisierten Rassismus. Den einfach alle haben, weil sie in einem rassistischen System leben. Das ist nicht immer Absicht, das ist nicht immer bewusst. Aber was wichtig ist: Sich das bewusst zu machen. Dann kann man auch noch das Buch von Alice Hasters lesen: 'Was weiße Menschen nicht über Rassismus wissen wollen, aber wissen sollten'. Es gibt wunderbare Guides bei Instagram, zum Beispiel @wirmuesstenmalreden. Wo beschrieben wird, wie man als Weiße Person POC-Menschen und Schwarze Menschen unterstützen kann. Wie gesagt: Ich weiß, es nicht absichtlich, aber internalisierten Rassismus haben alle."

Weiterbilden kann man sich natürlich auch mit manchen Filmen und Serien:

Eine Frau hält ein Schild mit der Aufschrift "Change" bei Protesten wegen des Todes von George Floyd (Foto: picture alliance/Richard Vogel/AP/dpa)
Rassismus in den USA: Serien und Filme zum Thema
Gerade ist das Thema wieder hochaktuell: Rassismus in den USA. Nachdem George Floyd, ein Schwarzer, durch einen brutalen Polizeieinsatz gestorben ist, gibt es Proteste und Ausschreitungen in vielen Städten. Bei Netflix und Co. gibt’s diverse Serien und Filme, die sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen.


Über dieses Thema wurde auch in der UNSERDING-Morningshow mit Thurie am 10. Juni 2020 berichtet.